8 Fragen an Roberta Bergmann

Acht Fragen an ...

Roberta Bergmann

 

Dipl.- Designerin

An dieser Stelle beantworten Lehrende aus verschiedenen Disziplinen Fragen und geben uns darüber einen Einblick in ihren Lehralltag und ihre Erfahrungen.

 

1) Wenn Sie sich an Ihre ersten Erfahrungen als Dozent/in in einer Lehrveranstaltung erinnern, was fällt Ihnen dazu ein?

 

Ich war aufgeregt und glücklich über die Chance, jetzt das erste Mal auf „der anderen Seite“ stehen zu dürfen und Studierenden etwas zu vermitteln, das sie bestenfalls fachlich und persönlich weiterbringt. Ich war selbst sehr motiviert und wissbegierig in meinem Studium und bin davon ausgegangen, jetzt als Lehrende, auf eben solche Studierende zu treffen. Ich musste aber feststellen, dass Studierende eine sehr heterogene Gruppe sind und man einige durch die Lehre erst noch positiv aktivieren muss bzw. die Motivation bei manchen vielleicht nie einsetzt. Das war ernüchternd. Aber ich gebe immer mein Bestes, wenn ich lehre und möchte möglichst viele aktivieren, begeistern und in ihren Vorhaben unterstützen.

 

2) Was verbinden Sie mit dem Begriff „gute Lehre“? Was ist Ihnen besonders wichtig in der Lehre (neben den jeweiligen Fachinhalten)?

 

Gute Lehre ist Lehre, die bei den Lernenden ankommt und sich irgendwie bei ihnen festsetzt und sie in ihrem Denken und Handeln positiv beeinflusst, wenn Lernende nicht unter- oder überfordert werden (beides ist kontraproduktiv). Ich lerne am besten, wenn man mir das Wissen möglichst praxisnah und „plastisch“ vermittelt, wenn man es schafft, mich neugierig zu machen, meine Lust zu wecken, mehr zu erfahren und ggf. selbst aktiv zu werden. Gute Lehre ist verständlich, abwechslungsreich, unterhaltsam, inhaltlich reichhaltig, „lehrreich“ und produziert Aha-Effekte bei den Lernenden.

Schlechte Lehre ist für mich: Wenn man als Lernender das Gefühl hat, seine Zeit zu verschwenden. Wenn der Lehrstoff staubtrocken vermittelt wird oder die Inhalte zu anspruchsvoll für das Niveau der Lernenden sind.

Gute Lehre hat ein klares Konzept. Sowohl das Gesamtmodul als auch die einzelnen Vorlesungen. Beides braucht eine klare Einordnung des Inhalts, sowohl zu Beginn als auch während der Vorlesung und am Ende. Wichtig ist, dass die Studierenden etwas dazulernen – auch wenn’s zwischendurch anstrengend ist. Spätestens am Ende einer Veranstaltung sollte aber die Materie verstanden worden sein.

 

3) Besondere Herausforderungen in der Lehre - welches Erlebnis oder welche Situation fällt Ihnen dazu ein? Wie sind Sie damit umgegangen? Was haben Sie daraus gelernt?

 

Heterogene Gruppen (z.B. im Wissensstand , aber auch in der Sozialkompetenz) sind immer eine Herausforderung, da man schauen muss, dass alle zufrieden aus der Veranstaltung gehen, man also niemanden unter- oder überfordert.

Einen Fehler, den ich schon öfter gemacht habe, ist, dass ich bei der Auf- bzw. Vorbereitung des Lehrstoffs von mir ausgehe (z.B. Was wären meine Lernziele? Wie viel Input kann ich aufnehmen und in welchem Tempo? Wie viel Praxis brauche ich, um die Theorie zu verinnerlichen? Wie viel Pausen brauche ich, um das Gelernte zu verarbeiten und mich zu regenerieren? Wie viel Abwechslung brauche ich während der Veranstaltung?). Bei der Anwendung d.h. während der Lehre merke ich dann aber, dass die gesteckten Lernziele, die vorausgesetzten Kompetenzen, die Ausdauer und Aufnahmefähigkeit jedes Einzelnen differenzierter zu betrachten wären. Ich lern(t)e daraus, meine Lehre offener zu planen und mir vorzustellen, dass ich auf ganz unterschiedliche Lernende treffe, dass ich Pausen einplane (an langen Terminen) und jedem versuche, Raum für seine Geschwindigkeit und seine individuellen Ziele zu geben (das geht natürlich nur bei Gruppengrößen bis ca. 20 Personen, würde ich mal schätzen) und für Seminare mit mehr als 1-2 SWS.

 

 

4) Wie nehmen Sie aktuell die Studierenden wahr in Ihrem Studierverhalten – beobachten Sie Veränderungen im Vergleich zu früheren Jahrgängen? Welche Bedeutung hat das evtl. für Ihre Planung und Durchführung von Lehrveranstaltungen?

 

Ich lehre zur Zeit nur sporadisch an Hochschulen (z.B. über Workshops, vielleicht im Schnitt 2-3x im Jahr) und bin seit 4 Jahren nicht mehr an einer Hochschule fest angestellt. Wenn ich meine Studienzeit (ich habe vor 12 Jahren Diplom gemacht) mit heute vergleiche, kann ich sagen, es hat sich viel verändert! Alles ist schneller geworden durch die Möglichkeiten, die das Smartphone und das Internet bieten. Bewerbungsmappen sind nicht mehr unbedingt aus Papier und Pappe zusammen gebaut. Fotos sind nicht mehr mit einer Spiegelreflexkamera für die Mappe fotografiert. Analoge und handwerkliche Fähigkeiten werden nicht mehr so stark ausgebildet, viel passiert im Digitalen, was auch völlig in Ordnung ist. Dadurch fehlen aber manchmal die (händischen) Grundlagen. Gerade im Bereich Gestaltung, in dem ich vorrangig lehre, braucht es gewisse Grundlagenkenntnisse, um in der Praxis und im späteren beruflichen Alltag Gestaltung vollends zu durchdringen. Daher finde ich es immer noch wichtig, dass Studierende aus den Bereichen der Bildenden Kunst und der Gestaltung ein gewisses (analoges) Handwerkszeug erlernen, d.h. mit den Händen schaffen und ausprobieren: Zeichnen, Konstruieren, Drucktechniken ausprobieren, Fotografie, 3D-Modellieren sind nur einige Bereiche, die da zu nennen wären. Es geht dabei auch um die Schulung des Sehens und der Wahrnehmung, weg vom „Black Mirror“, vor dem man inzwischen ja fast seine komplette Arbeits- und Freizeit verbringt.

 

5) Gibt es eine Methode, die Sie besonders gern einsetzen, um Studierende zu aktivieren und zu beteiligen?

 

Ich versuche, meine Aufgaben oder Fragestellungen thematisch so offen zu formulieren, dass möglichst viele, bestenfalls alle Studierenden sie auf ihre Realität, d.h. ihre spezifischen Interessen anwenden können. Die Theorie vermittelt sich einfacher, wenn man neben historischen Bezügen auch aktuelle Fragestellungen oder Werke aufnimmt und sich an diesen abarbeitet. Wenn es die Aufgabe zulässt, kann jeder z.B. mit einer von mir festgelegten Technik oder einem Material, was es zu erkunden gilt, „sein“ Thema individuell bearbeiten. Wenn der Lernende das Gefühl hat, dass er/sie sich mit dem beschäftigen darf, was ihn/sie wirklich interessiert, ist das vielleicht die beste Möglichkeit, den/die Lernende/n dazu zu bringen, mit Leidenschaft an die Aufgabe und das Lernziel heranzugehen, quasi noch mehr aus dem eigenen Antrieb heraus.

 

6) „Viel Stoff – wenig Zeit“: Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

 

Den Stoff „clustern“, d.h. wenn möglich, noch besser unterteilen und gliedern, Inhalte straffen oder auf tiefergehende Quellen eher verweisen als sie in der Lehre durchzusprechen. Studierende sollen ja auch Zeit haben, sich im Selbststudium Stoff anzulesen und zu bearbeiten. Vielleicht kann man den Stoff auch verteilen (Gruppen- oder Einzelarbeiten) und die Studierenden bereiten ihn für Ihre KommilitonInnen auf: In Vorträgen, einem kurzen Workshop, einem Handout, einem Kurzfilm, einem Blogbeitrag, einem Wiki oder Ähnlichem.

Man könnte eventuell auch die Seminargröße verkleinern oder zweimal ein Seminar anbieten, statt einmal, so dass die Gruppengrößen kleiner sind? Das geht natürlich nur, wenn das die Studienstruktur zulässt.

Ansonsten bin ich in meiner Grundlagenlehre an der HBK Braunschweig immer ganz gut durchgekommen, mit dem, was ich mir vorgenommen hatte.

 

 

7) Gibt es ein Erlebnis im Rahmen einer Lehrveranstaltung, an das Sie sich besonders gern erinnern?

 

Ich erinnere mich besonders gern an Lehrveranstaltungen, die einen, auch für die Außenwelt/Öffentlichkeit sichtbaren, Output generiert haben. Bestenfalls ein Output, der von größerer Dauer ist als z.B. eine Ausstellung, welche die Ergebnisse des Seminars zwar zeigt, aber eben nur für einen kurzen Zeitraum und danach wird alles wieder abgebaut und verschwindet in den Schubladen oder noch schlimmer, im Container.

So habe ich mit Studierenden z.B. einmal ein Bildergeschichtenbuch zum Thema „Träume“ erarbeitet. 25 Studierende haben jeweils einen Traum in einem Text beschrieben und anschließend bebildert. Das Buch hatte knapp 200 Seiten und wurde in einer kleinen Auflage von 150 Exemplaren gedruckt. Nach einer begleitenden Ausstellung konnte sich jeder Studierende ein Buch mit nach Hause nehmen und die restlichen Exemplare wurden in der Ausstellung zum kleinen Preis verkauft. Das Buch wurde durch die Hochschule finanziert (bzw. über die damaligen Studiengebühren).Den Studierenden und den Besuchern der Ausstellung blieb so die Publikation als Andenken und Erinnerung.

 

8) Wenn Sie auf unsere Bildungslandschaft in Deutschland schauen und drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

 

1. Mehr Wertschätzung von Seiten der Politik für Bildung in Form von höheren Budgets für die Lehreinrichtungen (egal ob Schulen oder Hochschulen). Das Geld an den staatlichen (Hoch-)Schulen ist immer knapp. Es wird an allen Ecken und Ende gespart. Materialien, Werkstätten, Inventar sind veraltet oder die Gebäude müssten dringend saniert werden. Es gibt zumeist einen Lehrermangel. Es müsste mehr Personal eingestellt werden, doch dazu fehlt das Geld.

2. Weniger Zeitverträge, mehr Festanstellungen. Ich finde, dass heutzutage die meisten Lehrenden über Zeitverträge ausgenutzt werden. Das hat auch wieder mit fehlender Wertschätzung der geleisteten Arbeit zu tun. Lehrende werden nur projektbezogen eingestellt, sie werden befristet, die freien Stellen sollen nur vertreten und verwaltet werden, es gibt eher Gastprofessuren als ordentliche Professuren, weil die billiger sind, als eine Professur zu berufen, z.T. auch mit Halbjahres- oder Jahresfristen, was wiederum keine Planungssicherheit für die Lehrenden zulässt und sie ständig um ihre Anstellung bzw. Weiterbeschäftigung bangen müssen.

3. Weg von konventionellen und „bewährten“ (aber vielleicht veralteten) Lehrmethoden und Schulsystemen – oder diese zumindest einmal mehr hinterfragen, z.B. wie zeitgemäß sie überhaupt noch sind.

Insgesamt könnte die Politik, aber auch die (Hoch-)schulen selbst da mehr wagen und z.B. freiere Lern- bzw. Lehrkonzepte ausprobieren/zulassen und dafür Akzeptanz schaffen.

Wie wollen wir zukünftig lernen? Was gibt es für neue Technologien, die das Lernen unterstützen, die wir nutzen können? Was brauchen wir nicht mehr und was hat nie funktioniert? Es gibt tausend Fragen, die man sich dazu noch stellen könnte ...

 

 

 

 

Herzlichen Dank für den Beitrag!

 

 

 

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